„Sich nicht verstecken“ – Auf Hof Kubitzberg

Autorin: Lea Kleymann

Für mein drittes Interview bin ich nach Altenholz in die Nähe von Kiel gefahren. Nach einer aufregenden Fahrt mit dem Fahrrad durch Regen- und Hagelschauer und überschwemmte Feldwege saß ich endlich dem Betriebsleiter Christian Oberländer gegenüber. Mit einem leicht schmunzelnden Ausdruck verfolgt Christian Oberländer die Geschichte meiner Fahrt über den Nord-Ostsee-Kanal nach Altenholz. Er würde lediglich im Sommer bei gutem Wetter mit dem Fahrrad nach Kiel fahren. Meine ungewöhnlichen Anreisemethoden sind bis jetzt ein Erfolgsgarant meiner Interviews. 

Ich freue mich auf ein schönes Gespräch an diesem doch eher regnerischen und dunklen Tag im November auf Hof Kubitzberg. Seit 1989 gibt es den Hof in dieser Form, gekauft von der Norddeutschen Gesellschaft der Diakonie. Eine ganz andere Form des Wirtschaftens wird mich hier erwarten und ich muss gestehen, damit hatte ich so nicht gerechnet.  

Hof Kubitzberg ist ein Gemischtbetrieb, der nach Bioland-Richtlinien bewirtschaftet wird und eine Vielzahl von Standbeinen hat. Gemischtbetrieb heißt, dass weder durch Marktfrüchte, den Futterbau, die Veredelung oder Sonderkulturen mehr als 50% des Deckungsbeitrags erwirtschaftet werden. Es gibt also keine reine Spezialisierung auf dem Betrieb. Ackerbau, Grünland, Sonderkulturen (Gemüse und Obst), Direktvermarktung, Weiterproduktion und 50 Mitarbeiter*innen, die zum Teil angestellt sind und/oder in einer betreuten Wohngruppe direkt auf dem Hof wohnen. Menschen, die psychisch krank oder eine psychische Behinderung haben, können hier sinnstiftender Arbeit nachgehen und das im Einklang mit der Natur, soweit diese landwirtschaftlich gegeben ist.

Momentan befinden sich 4 bis 8 Bullen auf dem Hof, außerdem werden jedes Jahr Gänse gehalten, die für das Weihnachtsgeschäft geschlachtet werden. In den letzten 35 Jahren wurde landwirtschaftlich bereits eine Menge ausprobiert. Es gab zwischenzeitlich 100 bis 700 Hennen, Gänse, Enten, Schafe, Schweine, Mutterkühe, um herauszufinden, was für die Menschen, die Tiere und den Betrieb am besten funktioniert. Heute wird auf ca. 1 Hektar (ha) Gemüse angebaut, Kartoffeln für die Gastronomie geschält, ein Hofladen geführt, Säfte gekocht, Energiebällchen gerollt, Dattel- und Quittenbrot gebacken und die Tiere versorgt. Und 2024 soll etwas Neues dazu kommen: ein mobiler Legehennenstall für maximal 500 Legehennen!

Eine Gläserne Produktion

Ich war nun schon auf einigen Höfen, doch dieser ist besonders. Einige Dinge sind vergleichbar mit anderen landwirtschaftlichen Betrieben und das betrifft nicht nur die körperliche Arbeit, sondern auch die Preise für die Lebensmittel oder Futtermittel, die Schwankungen unterliegen. „Es ist spannend“, so Christian Oberländer. Denn dadurch, dass die Lebenshaltungskosten gestiegen sind, merkt man auch hier, dass Verbraucher*innen vorsichtiger geworden sind und die Nachfrage nach ökologischen Produkten nachgelassen hat. Das bedeutet auch für Hof Kubitzberg, dass langjährige Produktionsprozesse überprüft werden müssen. Um nachvollziehen zu können, was Produkte wert sind, müssen Menschen sehen können, was für eine Arbeit hinter Produkten steckt und Produktionsprozesse miterleben können. Deshalb denkt Hof Kubitzberg darüber nach, die „Gläserne Produktion“ ins Leben zu rufen. „Unser Ziel ist es, die Kund*innen aktiv in unsere Arbeit mit einzubeziehen“, erklärt Oberländer. „Verbraucher*innen sollen die Produktion und Weiterverarbeitung von Lebensmitteln „wie durch eine Glasscheibe“ beobachten und mit uns ins Gespräch kommen können. Dann könne sie erleben, wie unsere Arbeit funktioniert und welche Wertigkeit unsere Produkte haben“. Mit diesem Problem, das Oberländer beschreibt, kämpfen viele landwirtschaftliche Betriebe, denn die Entfremdung der mehrheitlichen Gesamtgesellschaft von der Urproduktion ist so stark wie nie. In einem bekannten deutschen Podcast habe ich sogar den Satz gehört, dass Landwirt*innen für manche wie Fabelwesen erscheinen.   

 

Wie ist der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in Deutschland aufgebaut?    

Der LEH hat in Deutschland einen starken Einfluss auf die Preise, man spricht hier sogar von einem oligopolistischen Markt, d.h. wenige große Anbieter*innen decken einen hohen Anteil vom Markt ab und bestimmen somit das wirtschaftliche Geschehen. In Deutschland besteht der Markt für Lebensmittel aus wenigen großen Akteur*innen: der Edeka-Gruppe, der Rewe-Group, Aldi und der Schwarz-Gruppe (wozu auch Lidl und Kaufland gehören). Der Marktanteil ist seit Jahren stabil und beträgt rund 75%. Im Jahr 2021 erwirtschaftete der gesamte LEH insgesamt 149 Mrd. Euro. Häufig hat der LEH einen erheblichen Einfluss auf diese Preise von Lebensmitteln.

Soziales und Wirtschaftlichkeit zusammenbringen

Die Balance zwischen Sozialem und Wirtschaftlichkeit auf einem landwirtschaftlichen Betrieb sollte immer eine Rolle spielen. Denn es geht nicht nur um Gewinnmaximierung und Umsatz, sondern um die Menschen, die dahinterstehen. Das kann man auf die gesamte Landwirtschaft und auch Hof Kubitzberg übertragen. Hier ist nicht der größtmögliche monetäre Gewinn die Grenze, sondern das, was die Menschen imstande sind zu leisten, ohne die eigene Gesundheit zu gefährden. Kritiker*innen könnten argumentieren, dass der Hof sich nicht allein durch die Produktion und den Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse finanziert, sondern auch durch die Schleswiger Werkstätten und die Betreuung der dort lebenden Menschen. Das spielt eine Rolle in der Gestaltung und Wirtschaftsweise des Hofes, sollte aber kein Hindernis sein, die Vorteile einer Wirtschaftsweise zu sehen, die an die Bedürfnisse des Menschen und nicht des Kapitalismus angepasst sind. 

Wir leben alle in einer Welt, in der versucht wird, die Balance zwischen einer wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit zu schaffen. Hinter jedem landwirtschaftlichen Betrieb steht ein Mensch, der mit der Natur arbeiten und gut bezahlt werden möchte. Um für sich, für ihren Betrieb, ihren Beruf, ihre Berufung, ihr Gehalt zu kämpfen und zu demonstrieren. Ein Gedanken, den ich von Hof Kubitzberg mitnehme: Der Mensch und dessen Gesundheit muss die Grenze des Gewinns sein. Landwirtschaftliche Betriebe können diese Entscheidung häufig nicht allein treffen, es braucht geeignete Rahmenbedingungen, die den Menschen und dessen Gesundheit in den Vordergrund stellt. Einen landwirtschaftlichen Hof zu betreiben, heißt meist 24/7 Bereitschaft, eine hohe Auslastung und mehr als 40 Stunden die Woche. Nach Christian Oberländer ist Hof Kubitzberg auf dem richtigen Weg. Früher wurde immer verlangt, mehr zu schaffen, mehr zu arbeiten, alles musste größer, schneller und besser werden. Heute haben sich die Arbeitswelt und die Menschen verändert, die Work-Life-Balance steht auch in der Landwirtschaft hoch im Kurs. In der Regel arbeiten die Menschen auf Hof Kubitzberg in einem Teilzeitmodell.  

Besonders eindrücklich war die Erzählung über die Anschaffung eines mobilen Legehennenstalls. Der beratende Landwirt habe gemeint, die bereitstehende Fläche würde auch für einen Stall mit 1000 Legehennenplätzen reichen, dieser wäre auch nur ein wenig teurer als der Kleinere (mit 500 Legehennenplätzen). Auch wenn diese Anschaffung möglich gewesen wäre, hielt Christian Oberländer an dem Stall fest, in den max. 500 Legehennen Platz finden. Er entschied sich gegen eine zu hohe Belastung der Mitarbeiter*innen und Betreuenden.  

SDGs auf Hof Kubitzberg

Eine ganzheitliche Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) würde die regionale und saisonale Produktion und die Landwirt*innen sowie die Landwirtschaft in S-H stärken. Leider sind die SDGs in der Landwirtschaft wenig verbreitet und gerade deswegen spreche ich sie immer wieder in den Interviews an.   

Auch wenn Hof Kubitzberg ökologische Landwirtschaft betreibt und sich vielseitig einsetzt, bekomme ich von Christian Oberländer folgende Antwort:

„Ich könnte auf sämtlichen Hochzeiten tanzen, aber das will ich nicht.“

Christian Oberländer

Wenn wir mit dem Bild der Hochzeit weiterdenken, sind die SDGs nicht die Hochzeit eines entfernten Verwandten, sondern sinnbildlich gesprochen eher die eigene. Man ist gezwungen, sich mit dieser auseinandersetzen, nicht nur weil die eigene Person eine tragende Rolle spielt und der Bund des Lebens eingegangen wird. Sondern weil es die Feier bereichert, die Gäste glücklicher und das Essen besser macht.  

Meine letzte Frage ist, was Christian Oberländer den Verbraucher*innen in der Stadt gerne mit auf den Weg geben möchte. Einen Satz kann ich ihm nicht entlocken, aber er schneidet noch einmal das Thema der Gemeinschaft an, das immer wichtiger wird. Mehr Menschen, mehr Austausch, mehr Gespräch und das gegenseitige Kennenlernen gipfeln hoffentlich in Solidarität und einer gefühlten Gemeinschaft, die wir in Schleswig-Holstein benötigen. Der Ausbruch aus einer Starre ist wünschenswert und funktioniert am besten gemeinsam, also haltet die Augen und Ohren offen, seid neugierig und habt keine Angst, Neues zu lernen und Fragen zu stellen.  

Nach der Verabschiedung statte ich dem Hofladen von Hof Kubitzberg noch einen Besuch ab und kaufe selbst gemachten Quittenlikör. Der macht sich hervorragend als Geschenk, denke ich mir. Während ich mit Fahrrad den Nordostseekanal überquere, denke ich noch weiter über Gemeinschaft, Solidarität und die SDGs nach.   

Zurück